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„Populismus und Freiheit“ – ein Gastbeitrag von Eduard Gertz

Poroschenko, Kim Jong Un und Trump sitzen gemeinsam in einem Flugzeug, als der Pilot ihnen mitteilt, dass es Probleme gäbe und das Flugzeug gleich abstürzen wird. Das Entsetzen ist groß, der Pilot wird gefragt, ob man da nichts machen könnte?
Der meint, einige seiner Kollegen seien abergläubisch und schwören auf folgendes: Wenn jeder seinen liebsten und wertvollsten Gegenstand aus dem Flugzeug werfen würde, könnte vielleicht doch alles gut gehen.

Also steht Poroschenko auf, greift nach seiner prallgefüllten Brieftasche, drückt ihr verstohlen einen letzten Kuss auf und wirft sie aus dem Flugzeug.
Nach ihm begibt sich Kim Jong Un zur Tür und zieht sein geliebtes kommunistisches Parteibuch aus der Tasche. Er lässt einen schweren Seufzer hören, küsst es noch einmal und wirft es dann hinaus.

Schließlich ist Trump an der Reihe, er schaut sich verdattert um und gerät in Panik, denn er hat seinen Zettel mit dem Twitter-Passwort zu Hause vergessen, und viel Geld hat er bei sich auch nicht. Ihm fällt absolut nichts ein, was er aus dem Flugzeug werfen könnte, aber der Pilot drängt, denn die Maschine nähert sich immer weiter dem Boden an und wird bald zerschellen. Was ist denn nun das Wertvollste, was er derzeit bei sich hat?

Dann reißt Trump sich zusammen und sagt zu den beiden:
„Freunde, es gibt nur eines, was ich in dieser Situation tun kann…”
Er tritt zur Tür, streicht sich noch einmal durch die Haare und… wirft Kim Kong Un und Poroschenko aus dem Flugzeug.

Schöne Anekdote, nicht wahr? Hier treffen drei Gestalten aufeinander, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, aber sie alle verfolgen doch ein ähnliches Ziel. Poroschenko, Korruption in Person, strebte während seiner Amtszeit als Präsident ausschließlich nach Profit und Macht. Kim Jong Un beutet sein Volk aus. Und Trump? Dieser hat vor wenigen Tagen bezüglich der türkischen Invasion in Syrien getwittert, dass wenn die Türkei etwas macht, was seiner “großen und unvergleichbaren Weisheit” entgegenstehe, er deren Wirtschaft ausradieren werde.

Sehr geehrte Damen und Herren, wie haben es diese Gestalten überhaupt geschafft, einen Platz auf der Weltbühne zu belegen? Wie haben sie es geschafft, dass die Menschen sie so bereitwillig akzeptieren? Und was hat das mit uns zu tun? Die Antwort kann ja nicht einfach nur sein, weil Populisten einfache Antworten auf schwere Fragen geben. Sonst wäre auch diese Antwort eine einfache Antwort. Bin ich dadurch automatisch Populist?

In seiner Arbeit “​Die Wahl rechtspopulistischer Parteien in Europa vor und nach der Weltwirtschaftskrise” beschreibt der Politikwissenschaftler Fabian Herbst, dass “​wirtschaft​liche Krisen populistische […] Parteien an die Macht bringen können bzw. zumindest ihre Chancen bei Wahlen verbessern”. Dies lässt sich auch in Deutschland beobachten: Die AfD nahm ihren Anfang, als Merkel Griechenland Finanzhilfen infolge der Finanzkrise 2009 anbot. Infolge von Krisen verlieren Menschen ihre Arbeitsplätze, Einkommen und Vertrauen in die herrschenden Strukturen. Und da ist es offensichtlich, dass sie ihr Vertrauen Parteien schenken, welche ihnen eine Lösung der Krise verspricht. Sogar wenn diese dann schon zu Ende ist, so spürt man den Nachhall der Krisen weiterhin.

Doch das ganze Problem greift tiefer, ist nicht so oberflächlich, wie es scheint. Es liegt nicht nur an den Krisen, nein; es ist ein Problem, welches im System verankert ist.

Habt ihr euch jemals gefragt, wie Kapitalismus funktioniert? Dem Ganzen wohnt der Gedanke inne, dass jeder das erreicht, was ihm zusteht, der “American Dream”, sozusagen. Wenn jemand also klug und intelligent ist und gut wirtschaftet, so wird er schon Reichtum und Wohlstand erreichen und wenn jemand nicht so gebildet ist, dann wird er auch mit dem Geld nicht vernünftig umzugehen wissen. Ergibt ja an sich eigentlich auch Sinn.

Problem ist nur, dass dieses Gedankengut auch in die andere Richtung funktioniert. Wir beurteilen Menschen nach ihrem Wohlstand und der Größe des SUVs, und lassen dabei ihre eigentlichen, inneren Werte, die nicht zu Profit verarbeitet werden, außen vor. Und das schafft Frust, welcher –wie schon vorher angedeutet wurde – sich entlädt. Zum Beispiel auf Ausländer, welche unsere Arbeitsplätze wegnehmen würden. Und natürlich bei den Altparteien, die mal wieder Mist bauen. Und so weiter. Die Populisten beschwören die Stimmung, man wäre ausgeraubt und ausgebeutet. Stell dir vor, dass du, lieber Zuhörer, zwei Kühe besitzt. Dein rechter Nachbar besitzt keine. Du kannst deinem Nachbarn gerne mal Hallo sagen, einen warmen Händedruck hast du noch übrig. Schließlich bist du hier der Chef! Du hast beide Kühe, und du kannst deine Milch an deinen Nachbarn verkaufen. Dann kommt die Regierung, nimmt dir eine Kuh ab und gibt diese deinem Nachbarn. Jetzt hast du also nur noch eine Kuh, und dein Nachbar hat eine Kuh. Und dann wirst du gezwungen, Steuern für beide Kühe zu zahlen. Obwohl dein Nachbar ja gar nicht gearbeitet hat! Er ruht sich auf deinen hart erarbeiteten Kühen aus! Die waren schon seit jeher Familieneigentum! Es kommt so ein Nachbar von der Straße und nimmt dir deine Kuh weg! So ein böser Mensch! Sieh dir eigentlich mal deinen Nachbarn an: Diese Nase ist gar nicht schön, warum bekommt er eigentlich mit so einer Nase eine unverdiente Kuh? Und das Oberteil ist auch wie aus dem Müllcontainer. Woher kommen eigentlich solche Menschen, wie dein Nachbar? Und diese böse Regierung, die zulässt, dass solche hässlichen, bösen Menschen bei uns einwandern!

Und genau das ist das Ziel der Populisten: Emotionen beschwören, manchmal auch anhand von Halbfakten und diese Emotionen dann in die gewünschte Richtung lenken. So ähnlich wie hier bei den Kühen.

Apropos Kühe: Ihr habt zwei Kühe und einen Nachbarn. Jetzt habt ihr zwei Kühe und einen kostenlosen Arbeiter. Das war die Einstellung, mit welcher Europäer noch einhundert Jahre früher auf Afrika geblickt haben und jetzt den Einwanderern von bestimmten Parteien, z.B. einer Partei mit Alternative im Namen, dieses Verhalten unterstellt wird. Allerdings sind diese Parteien nicht besser, als die herrschenden. Denn wenn man sie genauer unter die Lupe nimmt, so verbirgt sich im Kern die gleiche Einstellung wie der des American Dream: Jeder Mensch kann eigentlich alles erreichen. Aber leider können wir derzeit nicht das erreichen, was uns zusteht, denn es gibt Ausländer, und was war da nochmal mit den Chinesen? Ein gewisser Mann mit blonder Frisur, einem großen roten Atomknopf und einem sehr aktiven Twitter-Account weiß diese Stimmung genau zu nutzen und kanalisiert die Wut auf “die da”, also Chinesen, Demokraten, Mexikaner, Europäer. Eigentlich auf alle, die nicht seiner Meinung sind. Und …

das ist ebenfalls ein Werkzeug der Populisten: Entweder du bist mit uns, oder du bist mit all denen da drüben. Und keiner der Unentschlossenen will mit denen “da drüben” sein.

Insgesamt stellt ihr euch nun wahrscheinlich die Frage: Was um alles in der Welt will dieser junge Mann, welcher vor uns auf der Bühne steht, uns nun eigentlich sagen? Nun, ich will auf ein junges, 16-jähriges Mädchen namens Greta Thunberg eingehen. Sie ist wahrscheinlich eine der wenigen Personen, die den Mut hat, zu sagen, dass nicht die da drüben für die Klimaerwärmung schuld sind, sondern wir. Durch unsere jahrzehntelanges verschwenderisches Verhalten und unser Einknicken vor dem Gesicht des übermäßigen Konsumkapitalismus sind wir, der reiche Westen, die eigentlichen Klimasünder. Und ich bewundere Greta dafür, dass sie den Mut hatte, aufzustehen und den Populisten ins Gesicht zu brüllen: “NEIN! Schluss mit der Kohle! Schluss mit der Verschwendung!” Sie hat sich nicht den einfachen Antworten hingegeben. Sie hat auf niemanden die Schuld abgelagert, dass ihre Zukunft und ihr Potential verbaut wurde. Sie hat ihren Zorn auf die Schuldigen nicht in Frust umgewandelt. Stattdessen kämpft sie dafür, dass sie ihre Zukunft selbst bestimmen kann, mit erst 16 Jahren. Das heißt in meinen Augen erwachsen sein. Und was können wir daraus lernen, aus ihrem Kampf gegen das System?

Nun. Manche von uns, liebe Zuhörer und Zuhörerinnen, sind auf dem Weg zum Erwachsen-werden, manchen von uns sind schon erwachsen. Aber wir alle neigen dazu, andere für unser Scheitern verantwortlich zu machen: Wir waren im Stau und sind deshalb zu spät zur Arbeit gekommen, die Chinesen nehmen unsere Arbeitsplätze weg, wir haben nicht genug Zeit für Sport. Wir geben unsere Verantwortung für unser Leben und unser Tun ab, wir wollen keine Verantwortung für unsere schwachen Seiten tragen.

Doch wer wird unser Leben und unsere Zukunft bestimmen, wenn nicht wir selbst?

Populisten wollen uns die Entscheidung abnehmen. Es gäbe eine Partei, die wisse, was zu tun ist, eine Antwort auf die schwierigen Fragen der Politik hätte. Wir müssten uns zum Widerstand gegen die herrschende Elite erheben. Im Schatten dieser Bewegungen wachsen wir zu Fußsoldaten eines neuen Regimes, bereit für den Kampf um das vermeintlich Gute, und doch nur im Dienste des Teufels. Wenn wir uns von dieser Macht einschüchtern lassen, dann haben wir genau das erreicht, was diese Bewegung auch will: Macht und Kontrolle. Deshalb glaube ich, dass wir uns von Greta Thunberg inspirieren lassen müssen: Über die Masse aufstehen und ein Beispiel geben, wie man Probleme auch anpacken kann, und nicht im populistischen Mob untergehen. Die Lösung der Weltprobleme muss von uns allen angepackt werden, und Nationalismus ist genau das Gegenteil von dem, was getan werden muss.

“Danach lasst uns alle streben, Brüderlich mit Herz und Hand”. So muss es heißen, und eben nicht “Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!”

Der Autor Eduard Gertz ist 15 Jahre alt und geht in Dessau auf ein Gymnasium. Dieser Beitrag basiert auf einer Rede, die er im Rahmen der JuniorAkademie 2019 in Papenburg hielt. Seine Beitrag ist eine subjektive Meinung, die nicht unbedingt die Meinung der Redaktion widerspiegeln muss.

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