17. Jahrhundert n.Chr., Japan

Da waren sie wieder, die Wachen. Er rannte los und fiel direkt wieder. Er war durch eine weitere Falltüre gestürzt und hatte sich gerade noch an einem der Balken, die quer durch den Boden, bzw. die jetzige Decke verliefen, festhalten können. Nun hing er dort, ohne jede Aussicht auf Hilfe, sich seiner Verfolger durchaus bewusst. Er hörte polternde Schritte immer näher kommen und dann waren sie da. Zwei oder vielleicht sogar drei… – Er konnte es nicht so genau ausmachen, da die Stimmen der Japaner für gewöhnlich ziemlich ähnlich waren! – Männer standen in dem Raum über ihm und berieten sich, wo der Junge hin verschwunden sein könnte, den sie gerade noch um die Ecke hatten biegen sehen. Schließlich näherten sich die Schritte der Falltüre, die immer noch sperrangelweit offen stand und die Stimmen der wild diskutierenden Wachleute wurden immer lauter. So standen sie dort eine ganze Weile, bis urplötzlich einer der Männer den Entschluss gefasst hatte und durch die Falltüre hindurch sprang. Anscheinend hatte er wohl nicht damit gerechnet, dass jemand neben der Falltüre baumeln würde, denn vor lauer Schreck vergaß er sich ab zu rollen und knallte mit einem Rums auf den Boden und blieb liegen. Verwundert, was denn wohl passiert seien mochte, senkte eine weitere Wache ihren Kopf über die Falltüre und spähte in den dunklen Raum. Sie wollte sich schon wieder aufrichten und etwas zur ihrem Kameraden sagen, als der blonde Junge die Chance nutzte und die Wache blitzschnell am Kopf packte und sich mit diesem als Stütze nach oben katapultierte. Der geschockte Mann wurde nach unten gerissen und fiel durch die Falltüre hindurch in Richtung Dunkelheit. Reflexartig drehte er sich um, als er einen Lufthauch in seinem Rücken vernahm. Die letzte Wache rannte mit gezücktem (Katana) auf ihn zu. „Verdammt!“ Mit diesen Worten rollte er sich unter den Beinen des wütend dreinblickenden Mannes hindurch, überschlug sich mehrmals und trat, in der Bewegung, nach dem kahlen Hinterkopf des Soldaten. Das war ein kleiner Trick, den er seiner langjährigen Ausbildung zu verdanken hatte. Allerdings stöhnte der Wachmann nur auf und drehte sich mit hoch erhobenem (Katana) zu ihm um. Der Junge versuchte es mit den paar Brocken japanisch, die er in so kurzer Zeit aufgeschnappt hatte: „聞いて…(*1)“, doch er hatte seinen Satz noch nicht einmal zu Ende gebracht, da sauste an seinem Kopf auch schon das rasiermesserscharfe (Katana) vorbei und verfing sich mit einem Ruck in den Holzplanken. Die Wache fluchte und bemühte sich verzweifelt das für diese Region typische Schwert zu befreien, doch es war zu spät. Der blonde, junge Europäer war bereits aufgesprungen und hatte sich mit gezücktem Messer kampfbereit gemacht…

Blut quoll aus der Wunde im Hals des toten Samurai. Er war wohl kein großer Kämpfer gewesen dachte ich mir, sonst hätte er nicht so schnell klein bei gegeben. Jedenfalls war er jetzt tot! Ob er Familie hatte? Mir doch egal! Entweder er oder ich. Mit bedauern bemerkte ich, dass, sollte ich gefangen genommen werden, eben so wenig Gnade zu erwarten hatte, wie der Typ von mir. Also keine! Ich hörte wie sich schnelle Schritte vom Turmhaus her näherten. Wahrscheinlich Verstärkung für die 3 kleinen Säcke die ich so eben umgelegt hatte. Schnell bückte ich mich hin und untersuchte den Samurai nach weiteren Waffen oder Gebrauchsgegenständen. Dann richtete ich mich auf und zog die Leiche in Richtung Falltüre, ließ sie hinein Fallen und schloss sie dann weider. Ich verschwendete meine Zeit. Spätestens wenn die Wachen die als Reserve für den Trümmerhaufen hier ausgewählt worden waren das Blut sahen würden sie umdrehen und weitere Verstärkung holen. Ich machte mich also auf und joggte weiter den Gang entlang. Nach ungefähr 10 Minuten waren die Schritte meiner Verfolger verklungen, aber ich ahnte, dass das nicht lange so bleiben würde. Plötzlich hörte ich von der Seite her ein leises Quietschen und blieb stehen. Das Brett an der Wand war lose und man konnte es so bei Seite stoßen. Hinter dem Brett befand sich ein langer Gang, zu beiden Seiten Papierwände…

Gemütlich hatte sich Sukow auf seine Rohr-liege gelegt und war schon fast ein geschlummert, als auf einmal ein Schatten hinter seiner Wand vorbei gehuscht war. Hinter seiner Wand? Ja, es handelte sich hier um Papierwände und auch wenn dies nicht so luxuriös zu sein schien, reichte es ihm alle mal! In diesem Moment kam der Schatten hinter der wand zurück und blieb vor Sukows Wand stehen. Wer ging da überhaupt zwischen den Wänden lang, war das nicht eigentlich, mit Rücksichtnahme auf die Privatsphäre der Bewohner dieser Wohnungen in Kapul verboten worden. Aber länger Zeit blieb dem schon etwas in die Jahre gekommenen Mann auch nicht um groß darüber nach zu denken, denn in diesem Moment sprang der Ungebetene Besucher durch die Wand und stach Sukow das Messer in den Hals. Alles wurde langsam schwarz und aus den Augenwinkeln konnte Sukow noch gerade so erkennen, wie ein blonder Junge zur anderen Seite hin die Tür aufstieß und verschwand und dann war Nichts, denn der alte Sukow lag tot mit immer noch stark blutendem Hals auf seinem Bett, selbst als ein paar Minuten später ein Trupp schwer bewaffneter Samurai folgte…

„Mist!“, ich war auf halber Strecke im Papiergang umgekehrt, da ich auf einmal von weiter vorne im Gang laute Alarmrufe vernommen hatte. Ich hatte, da ich nicht wieder zurück in den Gang mit der Falltüre gehen wollte, eine der Papierwände eingetreten und hatte noch schnell einen alten Typen abgestochen, damit er mich nicht verpfiff. Jetzt rannte ich durch mit kleinen Bäumen geschmückte Gänge, ohne wirklich zu wissen wo ich eigentlich hin lief. Auf meinem Weg begegnete ich keinem einzigem Zivilisten, was mich allmählich misstrauisch machte. Waren die Wohnbereiche der Samuraiburgen nicht eigentlich immer hoch belebt? Endlich kam ich zu einer mit einer Steinwand verbundenen Holztür und entkam so dem Labyrinth. Vor mir tat sich ein Burghof mit ein paar alten Bäumen und einigen, für Japan so typischen, klein Beeten auf. Wobei ich dem eigentlich keine große Beachtung schenkte und einfach weiter rannte. Kapul war riesig und ich konnte praktisch überall sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass man hier nach mir suchen würde war so gering, dass ich fürchterlich erschrak, als vor mir auf einmal vier Samurai mit gezückten (Katanas) auftauchten und mit zufriedenem Lächeln auf mich zu gerannt kamen. In Panik blickte ich mich um und sah nur eine Möglichkeit: „Die Mauer!“ Ich hatte es laut ausgesprochen, aber das war mir egal. Die verstanden mich sowieso nicht.

Als Nikita und seine Kameraden die Mauer erreichten war der blonde Junge schon längst im Burggraben verschwunden und sein Nebenmann stieß einen lauten Fluch auf diese verdammten Ausländer aus…

(*1) Japanisch; auf Deutsch: „Hören sie…“

Hinweis: Alle Inhalte, Orte, Zahlen und Namen, die in dieser Geschichte genannt werden sind größtenteils fiktiv und beziehen sich auf keinerlei wahre Begebenheiten!

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